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Christopher Röskes
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Wie Speditionen LKW-Fahrer aus EU und Drittstaaten einstellen: Rechtsrahmen, Aufwand, Bleibedauer und was wirklich funktioniert
TL;DR
120.000 LKW-Fahrer fehlen in Deutschland — historisches Hoch. Fast vier von zehn aktiven Fahrern sind 55 oder älter.
EU-Bürger kannst du sofort einstellen. Keine Arbeitserlaubnis nötig, Freizügigkeit gilt. Hauptländer in der Praxis: Polen, Rumänien, Tschechien.
Fahrer aus Drittstaaten brauchen ein Visum nach § 19c AufenthG, Code 95 (Grundqualifikation) und Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Prozess in der Praxis: sechs bis zwölf Monate.
Vorab: Wir empfehlen, zuerst die regionalen Möglichkeiten in Deutschland konsequent auszuschöpfen. Warum, dazu unten. Erst der ehrliche Vergleich.
Warum 2026 fast niemand mehr am Ausland vorbeikommt — und warum das nicht heißt, dass du musst
Die Zahlen sind unbestritten. Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) meldet 120.000 fehlende Berufskraftfahrer in Deutschland. Demografisch ist die Lage noch härter: Nach BGL-Angaben sind rund 39 Prozent aller aktiven LKW-Fahrer 55 Jahre oder älter. Jedes Jahr gehen 30.000 bis 35.000 Fahrer in Rente. Nachrücken tun nur 15.000 bis 20.000. Diese Schere schließt sich nicht von selbst.
Was das praktisch heißt, zeigt die Mautstatistik. An deutschen Mautstellen ist der Anteil polnischer LKW von 8,56 Prozent im Jahr 2008 auf 19,05 Prozent im Jahr 2023 gestiegen. Deutsche LKW haben in dieser Zeit Marktanteile verloren, allein zuletzt von 59,2 auf 57,6 Prozent in einem Jahr. Die Lücke wurde mit ausländischen Fahrern und ausländischen Fahrzeugen gefüllt. Wer heute noch glaubt, das sei eine Übergangserscheinung, liest den Markt falsch.
Aber: Das Recruiting in Deutschland funktioniert weiter. Es funktioniert sogar besser, als die meisten Speditionen glauben — wenn man weiß, wie. Vorab eine klare Botschaft: Wir empfehlen, zuerst die regionalen Kanäle konsequent auszuschöpfen, bevor du in den EU- oder Drittstaaten-Prozess einsteigst. Warum, dazu unten. Jetzt der saubere Vergleich.
LKW-Fahrer aus der EU einstellen
EU-Bürger profitieren von der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Das heißt konkret: Wer aus Polen, Rumänien, Tschechien, Bulgarien oder einem anderen EU-Staat kommt, braucht keine Arbeitserlaubnis. Du kannst ihn morgen einstellen. Auch der Führerschein gilt — wenn er in der EU oder im EWR erworben wurde und Code 95 (die Berufskraftfahrer-Grundqualifikation) eingetragen ist, ist alles erledigt.
Was bleibt zu tun:
Anmeldung beim Einwohnermeldeamt nach Einreise (Pflicht, sobald der Aufenthalt länger als drei Monate dauert)
Sozialversicherung in Deutschland anmelden (wie bei jedem deutschen Mitarbeiter)
A1-Bescheinigung bei grenzüberschreitenden Einsätzen prüfen
Sprache — keine gesetzliche Anforderung, aber für die Praxis entscheidend
Wohnung — wer direkt aus dem Heimatland anwirbt, stellt faktisch auch die Unterkunft
Die häufigsten Herkunftsländer in der Praxis sind Polen, Rumänien, Tschechien und die Slowakei. Die Qualifikation ist hoch und mit der deutschen vergleichbar. Sprachhürden gibt es, sie sind aber niedriger als bei Drittstaaten-Fahrern, weil viele Fahrer aus diesen Ländern bereits im internationalen Verkehr gearbeitet haben und Deutsch-Grundkenntnisse mitbringen.
LKW-Fahrer aus Drittstaaten einstellen
Hier wird es kompliziert. Drittstaaten sind alle Länder außerhalb der EU und des EWR. Die häufigsten Herkunftsländer in der Praxis sind aktuell Usbekistan, Georgien, Moldau und die Ukraine.
Der Rechtsrahmen ist klar geregelt:
§ 19c Absatz 1 Aufenthaltsgesetz in Verbindung mit § 24a Absatz 1 und 2 Beschäftigungsverordnung — das ist der Aufenthaltstitel für Berufskraftfahrer aus Drittstaaten.
Mindestgehalt für Bewerber ab 45 Jahren: 55.770 Euro brutto pro Jahr (Stand 2026). Alternativ kann ein Nachweis über eine angemessene Altersversorgung vorgelegt werden.
Führerschein muss aus einem EU- oder EWR-Staat sein oder umgeschrieben werden. Die Umschreibung ist innerhalb von sechs Monaten nach Anmeldung in Deutschland zu erledigen. Ob prüfungsfrei oder mit theoretischer und praktischer Prüfung, hängt vom Herkunftsstaat ab (siehe Anlage 11 Fahrerlaubnisverordnung).
Code 95 (Grundqualifikation) muss innerhalb von 15 Monaten nach Einreise erworben sein. Davor ist nur eingeschränkter Einsatz möglich.
Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit läuft als internes Verfahren mit. Du musst sie nicht separat einholen, sie wird im Visumprozess geprüft.
Der gesamte Prozess dauert in der Praxis sechs bis zwölf Monate vom Erstkontakt bis zum tatsächlichen Einsatz. Spezialisierte Vermittler übernehmen Kandidatensuche, Visum, Reise und teilweise Sprachschulung. Das Qualifizierungschancengesetz fördert die Sprachkurse und Qualifizierung — in Einzelfällen bis zu 100 Prozent.
EU vs. Drittstaaten — der Vergleich
Kriterium | EU-Fahrer | Drittstaaten-Fahrer |
|---|---|---|
Arbeitserlaubnis | nicht nötig | Visum nach § 19c AufenthG |
Führerschein | gilt sofort (wenn Code 95) | Umschreibung binnen sechs Monaten |
Code 95 | meist bereits vorhanden | binnen 15 Monaten zu erwerben |
Sprache | oft Grundkenntnisse | meist Kurs nötig |
Mindestgehalt | wie deutsche Fahrer | ab 45 Jahren: 55.770 € (2026) |
Prozessdauer | sofort einsetzbar | sechs bis zwölf Monate |
Bürokratie | gering | hoch |
Risiko | gering | mittel bis hoch |
Die Tabelle zeigt: Wer einen schnellen, rechtlich einfachen Weg sucht, geht in die EU. Wer langfristig plant und Aufwand mitbringt, kann auch den Drittstaaten-Weg gehen.
Was die Einstellung wirklich kostet — jenseits des Gehalts
Über das Gehalt redet jeder. Über die Kosten drumherum redet kaum jemand. In der Praxis kommen hinzu:
Anwerbung — entweder eigene Recruiting-Infrastruktur oder ein Vermittler. Beides kostet Zeit, Geld oder beides.
Reise und Visum — bei Drittstaaten oft mehrfache Konsulatsbesuche, Übersetzungen, Beglaubigungen.
Sprachkurs — typisch sechs bis zwölf Monate parallel zum Job, teilweise gefördert.
Wohnung — wer einen Fahrer aus dem Ausland holt, stellt faktisch auch die Unterkunft, mindestens für die ersten Monate.
Onboarding-Zeit — Bewerber aus dem Ausland brauchen länger, bis sie produktiv arbeiten. Rechne mit deutlich mehr Einarbeitungszeit gegenüber einem regional eingestellten Fahrer mit Erfahrung.
Fluktuationskosten — wenn der Fahrer im ersten Jahr geht, ist alles, was du investiert hast, weg. Branchenstudien beziffern die Kosten von Fluktuation auf bis zu 20 Prozent der jährlichen Personalkosten eines LKW-Fahrers.
Das ist die ehrliche Rechnung. Ohne diese Posten ist jede Kalkulation unvollständig.
Die Bleibedauer-Frage: Was wir in der Praxis sehen
Aus tausenden Einstellungsprozessen, die wir begleiten, sehen wir ein klares Muster. Es ist keine wissenschaftliche Studie, sondern eine Beobachtung — aber sie ist konsistent:
Fahrer, die in der Region gemeldet sind, in der sie fahren, bleiben am längsten. Bei EU-Fahrern mit Familie und Wohnsitz in Deutschland sieht das Bild ähnlich gut aus. Drittstaaten-Fahrer, die ohne Familie kommen und für die Deutschland nur ein Job-Standort ist, sind häufiger nach kurzer Zeit wieder weg — zurück ins Heimatland oder weiter zu einer anderen Spedition mit besseren Konditionen.
Warum ist das so? Drei Gründe:
Soziale Verankerung. Wer eine Familie vor Ort hat, einen Verein, eine Wohnung — der wechselt nicht so leicht.
Wechselkosten. Für einen regional eingestellten Fahrer ist der nächste Job weiter weg vom Heimatort. Das hält.
Erwartungs-Realität. Unterschiedliche Erwartungen an Leben und Arbeit in Deutschland können sich in einzelnen Fällen auf die langfristige Mitarbeiterbindung auswirken.
Das heißt nicht, dass ausländische Fahrer schlecht sind. Es heißt, dass die Investition pro langfristigem Mitarbeiter bei regionalen Einstellungen am besten gehebelt wird.
Wann macht was Sinn? Ein Entscheidungs-Leitfaden
Kurzfristiger Bedarf, regionale Kanäle wirklich ausgereizt: EU-Fahrer aus Polen, Rumänien oder Tschechien. Schnell verfügbar, geringe Bürokratie, gute Qualifikation.
Langfristige strukturelle Lücke, Bereitschaft zu investieren: Drittstaaten mit Vermittler. Lange Vorlaufzeit, hoher Aufwand, mittleres Bleibedauer-Risiko.
Du suchst Fahrer, die langfristig bleiben: Regional in Deutschland. Hier liegt der größte Hebel — aber nur, wenn du die richtigen Kanäle und die richtigen Stellenanzeigen hast.
Unser Fazit
Wir bei LoadUp sehen viele Vorteile darin, Fahrer aus der EU oder aus Drittstaaten zu holen. Die Lücke ist real, beide Wege funktionieren grundsätzlich.
Aber unsere Empfehlung ist klar gestuft:
Von Drittstaaten raten wir grundsätzlich ab. Der Bürokratieaufwand ist zu hoch, die Prozesse sind zu lang, und die Ergebnisse sind in der Praxis zu häufig enttäuschend. Wer trotzdem diesen Weg geht, sollte sich der Risiken bewusst sein.
EU-Fahrer sind die bessere Auslands-Option. Freizügigkeit, vergleichbare Qualifikation, geringere Sprachhürden, schnellerer Einsatz. Wenn Ausland, dann hier.
Aber das eigentliche Recruitment ist und bleibt regional in Deutschland möglich. Es ist anstrengender geworden. Es braucht andere Kanäle als vor zehn Jahren. Es braucht andere Stellenanzeigen, andere Geschwindigkeit, andere Tools. Man muss nur wissen, wie.
Häufige Fragen
Dürfen EU-Bürger ohne Visum in Deutschland als LKW-Fahrer arbeiten?
Ja. EU-Bürger profitieren von der Arbeitnehmerfreizügigkeit und brauchen keine Arbeitserlaubnis. Voraussetzung ist ein gültiger EU- oder EWR-Führerschein mit Code 95.
Wie lange dauert das Visumverfahren für Drittstaaten-Fahrer?
In der Praxis sechs bis zwölf Monate von Erstkontakt bis tatsächlichem Arbeitsantritt in Deutschland. Das Visum selbst wird von der zuständigen deutschen Auslandsvertretung im Herkunftsland erteilt, mit interner Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit.
Was ist Code 95 (Grundqualifikation)?
Code 95 ist der EU-weite Nachweis der Berufskraftfahrer-Grundqualifikation nach dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz (BKrFQG). Ohne Code 95 darf gewerblich kein LKW über 3,5 Tonnen gefahren werden. Bei Drittstaaten-Fahrern muss Code 95 innerhalb von 15 Monaten nach Einreise erworben werden.
Welches Mindestgehalt muss ich Drittstaaten-Fahrern zahlen?
Für Bewerber ab 45 Jahren liegt das Mindestgehalt 2026 bei 55.770 Euro brutto pro Jahr. Alternativ ist ein Nachweis über eine angemessene Altersversorgung möglich. Für jüngere Bewerber gibt es keine separate Untergrenze, aber das Gehalt darf nicht unter dem Vergleichswert für deutsche Fahrer liegen.
Welche Sprachkenntnisse braucht ein LKW-Fahrer in Deutschland?
Gesetzlich gibt es keine Pflicht für ein bestimmtes Sprachniveau. In der Praxis sind Grundkenntnisse Deutsch (A2) das Minimum, B1 deutlich besser für sicheren Einsatz mit Disposition, Verladern und Behörden.
Was kostet die Einstellung eines ausländischen LKW-Fahrers?
Über das Gehalt hinaus fallen Kosten an für Anwerbung, Reise, Visum, Sprachkurs, Wohnung und Onboarding-Zeit. Die konkrete Höhe schwankt stark je nach Herkunftsland, Vermittler und Eigenleistung. Wichtig ist, alle diese Posten in der Kalkulation zu berücksichtigen — nicht nur das Brutto-Gehalt.
Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Für individuelle Fälle bitte an einen Fachanwalt für Migrationsrecht oder Arbeitsrecht wenden.


